Der alte König in seinem Exil

An der letztjährigen AVIVO-Veranstaltung von Mitte November «Umgang im Alltag mit Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind», wurde nach geeigneter Literatur zum Thema gefragt. Die Referentinnen Johanna Schaffner und Silvia Brodmann wiesen dabei einmütig auf das Buch «Der alte König in seinem Exil» von Arno Geiger hin. Obwohl kein Fachbuch, trägt die berührende Auseinandersetzung des Autors mit seinem an Demenz erkrankten Vater viel zum Verständnis dieser Krankheit bei. Darum möchte ich hier das 2011 erschienene Werk, das auch heute noch durch seine Achtsamkeit und Wärme besticht, kurz vorstellen.

Arno Geigers Vater August hat Alzheimer. Er wohnt allein im eigenen Haus in seinem Heimatdorf in Vorarlberg. Seine Frau hat sich vor Jahren von ihm getrennt. Im Buch erzählt sein Sohn, der Schriftsteller, mal humorvoll lebendig, mal poetisch feinsinnig, aber auch selbstreflektierend kritisch, wie er nochmals Freundschaft mit seinem Vater schliesst und ihn viele Jahre begleitet. Jahre, in denen der Sohn seine Wahrnehmung schärft und jede Phase der Krankheit, jeder Moment des gedanklichen Chaos, des Starrsinns, der Fröhlichkeit, der Aggressivität nicht nur als Belastung, sondern auch als Bereicherung erlebt.

Dennoch blickt der Sohn mit unguten Gefühlen auf die «erste, sehr nervenaufreibende, von Unsicherheit und Verunsicherung geprägte Phase der Krankheit» zurück, in der die Familie nicht müde wurde, den Vater zu ermahnen, sich zusammenzureissen und nicht so gehen zu lassen. Welche «Vergeudung von Kräften», stellt Arno im Nachhinein fest und bekennt, wie geduldig der Vater dies hinnahm und «dem Vergessen nicht trotzen wollte». Der Sohn lernt, die Krankheit zu akzeptieren und sich auf die Welt seines Vaters einzulassen, wo eine neue Wirklichkeit und neue Massstäbe zählen. Arno entdeckt, dass es auch im Alter und trotz fortschreitender Krankheit in der Person des Vaters noch alles gibt: Charme, Witz, Selbstbewusstsein und Würde.

SB